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Gegenstrom – Gundula Bergs 1. Zufall (Episoden 1&2)

 

Das war für Gundula zu schnell gegangen. Vor einer Woche noch hatte sie einer Stammkundin die schlohweißen Haare geschnitten. Der Schädel der Vierundneunzigjähren lag fast kahl vor ihr. Da war trotz aller Handwerkskunst nicht mehr viel auszurichten. Die ältere Dame freute sich auch mehr über die Besucherin als über ihre frische Frisur: Wieder mal jemand, der zuhören musste. Nicht wie die Angestellten des Pflegeheims, die sich stets um jene Gäste sorgten, denen es noch elender ging. Fräulein, darauf legte sie Wert, Zöllig erzählte Gundula von ihrem Aufenthalt als Haushaltshilfe in Plymouth. Dem Mann fürs Leben war sie auch jenseits des Ärmelkanals nie begegnet.

"An den freien Tagen traf ich mich mit den anderen Au-Pairs in der Stadt", begutachtete das Fräulein den aktuellen Stand der Arbeiten im Spiegel. "Wir gingen auch mal ins Kino oder tanzen. Obwohl mir diese britische Musik zu laut und zu wild war. Die Käfer kennen Sie wohl nicht mehr. Dazu sind Sie zu jung. Ich weiß nicht, wie man auf die komische Idee kam, die Krachmacher the fab four zu nennen. Und erst die Rollenden Steine!"

"Hm, da haben Sie recht". Gundula versuchte, das Büschel weiße Haare, das sich im Kamm verfangen hatte, unbemerkt zu Boden schweben zu lassen und die neue Lücke mit einer anderen seltenen Strähne zu überdecken.

"Wir gingen auch zwei Mal wöchentlich in eine gemeinsame Turnstunde", füllten sich die Augen der Seniorin mit ein paar Tränen. "Wieder in der Schweiz gründete ich mit ein paar meiner Freundinnen den Damenturnverein, um uns körperlich zu betätigen. Wir haben uns regelmäßig getroffen."

"Wirklich", versuchte Gundula, sich zu erinnern, ob sie sich für die Zumba-Lektion am Abend eingetragen hatte.

"Als letztes lebendes Mitglied löste ich den Verein auf. Das Vermögen überwies ich, wie in den Statuten vorgeschrieben, an ein Tierheim."

"Sehr nett».

"Fuck the system ist by the way totally falsch geschrieben", grinste die Alte und fixierte die Coiffeuse im Spiegel. Die zog den Ärmel hastig über den rechten Unterarm. Sie war immer noch wütend auf den Tätowierer, der es fertiggebracht hatte, zwei Fehler in den drei Wörtern unterzubringen. Und auf die Kollegin, die ihr den Nadelkünstler empfohlen hatte.

Fräulein Zöllig begann, übers englische Essen und das noch viel miesere Wetter zu reden. Schilderte, wie sie in Bath den hässlichen Clubschirm ihres landlords vergessen hatte, als sie eines der Kinder davon abhalten musste, auf die Straße und vor ein heranbrausendes Auto zu rennen.

«So, so». Vom Ende dieser Geschichte kannte Gundula drei Versionen und tippte auf die falsche. 

Die Freude darüber, dass jemand das kurze Abenteuer aus ihrem langen Leben mit ihr teilte, honorierte die Insassin mit einem großzügigen Trinkgeld. Im Vorbeirollen steckte sie Gundula ungeschickt einen Hunderter in eine Gesäßtasche. Leider nicht unbemerkt, was den Heimleiter veranlasste, den Inhaber von ‚Haargenau – wir schneiden stet‘s besser ab‘ zu informieren.

Bogdan Hristov, ein eingebürgerter Bulgare, der mit Teppichen kein, mit seinen mobilen Friseursalons für Alten- und Pflegeheime ein stattliches Vermögen ergaunert hatte, kündigte Gundula fristlos. Nicht, weil sie Geld annahm, sondern dieses nicht nach dem Achtzig-Zwanzig-Schlüssel verteilte: Der Löwenanteil für den Chef, der Rest für die vierzig Coiffeusen. Vor COVID waren es einige mehr gewesen. Die Epidemie hatte zu mehr Toten, weniger Arbeit und Lohn geführt. Die Corona-Kredite flossen an Bogdan respektive an die Familie in der alten Heimat. Die renovierte ihr Haus und leistete sich ein neues Auto mit drei Buchstaben im Namen.

Während dem Austrittsgespräch zog Gundula den Hunderter mit dem Heiligen Martin, der den Überwurf mit dem Schwert teilt, aus der rechten Gesäßtasche und hämmerte ihn auf die Tischplatte. «Seit einigen Jahren aus dem Verkehr gezogen und wertlos. Sammler zahlen vielleicht einige Franken. Aber das können Sie nicht wissen. Als die gültig war, hockten Sie mit ihren Freunden im Schneidersitz auf einem von Kindern geknüpften Teppich, tranken übersüßten Tee und tauschten Kamele gegen Schafe oder ihre Töchter.»

Kurz bevor die Entlassene die Türe erreichte, drehte sie sich unerwartet um: «Stets führt kein Apostroph. Sie Analphabet – wobei die Betonung dieses Worts bei Ihnen auf den ersten beiden Silben liegt.»

Der 1. Fall der Zufallsermittlerin ist geschrieben. Ob und wann er herauskommt, ist noch unklar.

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