
Ein kurzer Blog zurück: Mai 2010
Als vor wenigen Wochen der offizielle Verkauf begann und sich die verrücktesten Sammler bereits am Vorabend an den offiziellen Verkaufsstellen einfanden, fragte mich meine Frau, ob wir uns dieses Jahr ebenfalls wieder vom Fieber anstecken lassen wollen – obwohl es bei Infektionskrankheiten (siehe die Schweine- und andere Grippen) bezüglich Ansteckung eigentlich keine freien Entscheidungen gibt. Dafür weiss ich heute angesichts des alle zwei Jahre wiederkehrenden Hypes, warum man und frau in unserem Jargon von viralem Marketing spricht – dies aber nur als Nebenbemerkung. Mit meiner Frage, wo die alten Objekte der Sammelbegierde denn heute lägen und wer diese in der Vergangenheit angeschaut habe, folgte ein leichtes Schulterzucken als Antwort. So war die Sache für mich erledigt. Für die Manager, die im Zug heimlich Nummern sortierten und Doubletten in ihrem Laptop notierten und dabei jeden Vorbeigehenden mit einer Mischung aus Misstrauen und Verlegenheit beobachteten, hatte ich in der Folge nur ein mildes Lächeln übrig. Bis zu jenem Zeitpunkt, als mich meine vierdreivierteljährige Tochter – sie legt noch Wert auf maximale Genauigkeit bei ihrem Alter – auf die herzige Niedlichkeit von Kazumi ansprach. Zuerst verstand ich nur Kaugummi oder Tsunami, was ihr ein lautes Lachen entlockte. Dann zückte sie aber ihr Album, schlug eine passende Seite auf und zeigte mir das gelbe Fabelwesen mit braunen Punkten und grünen Haaren. Klar hatte ich das Maskottchen der Fussballweltmeisterschaften 2010 in Südafrika vorher gesehen. Das meine Tochter dessen Namen kannte, überraschte mich aber ebenso, wie die Tatsache, dass sie über ein bereits gut ausgestattetes Paninialbum verfügte. Darauf erklärte sie mir im Detail, wie sie das Heft mit einigen Couverts mit je sechs Spielern von ihrem Gotti erhalten hatte. Besonders stolz war sie dabei auf die Embleme – die glitzern so schön – und auf die Mannschaftsbilder. «Cool» fand sie natürlich auch, dass sie mehr Schweizer als der Sohn des Gottis im allgemeinen und den Goalie unserer Nationalmannschaft im speziellen aus einer der Verpackungen gezogen hatte. Und ihre einzige Doublette – ein unbekannter Südamerikaner – eröffnete ihr natürlich völlig neue Perspektiven im Tausch- respektive Transfergeschäft mit Kollegen. Angesichts ihrer Begeisterung wurde mir klar, dass diese Faszination nicht allein im archaischen Sammeltrieb, sondern auch in den Erinnerungen an die eigene Kindheit liegt. Was hatten wir alles gesammelt: Von Motorrädern und Autos über Flugzeuge bis zu Fussballern – nur hiessen die damals Maradona und nicht Ribéry. Jedes volle Album war ein Erfolg, der dennoch irgendwann in Vergessenheit geriet. Nachdem Panini für mich jahrelang für ein italienisches Brötchen stand, hat mich jetzt doch das Sammelfieber gepackt – tausche übrigens Ballack, Ferdinand und Ronaldo gegen einen Messi oder Rooney.
Bild: KI-generiert

Moscow, Texas – Reisebericht (2. Etappe)
Wer die 1. Etappe verpasst hat, findet sie hier.
Bei mir deutet nichts darauf hin, dass die Reise, wohin auch immer, irgendwann fortgesetzt wird. Die Angst steigt, schon nach dem kurzen Prolog zu stranden, umdenken und alles neu organisieren zu müssen, ohne frische Unterwäsche und meine eigene Zahnbürste dazustehen. Bei Faber scheint es eher die Furcht, bei diesen meteorologischen Verhältnissen abzuheben, vielleicht würde er lieber am Boden bleiben, in ein Hotel in Manhattan zurückkehren und sich eine Nacht in New York um die Ohren schlagen.
Der flüchtige Blick auf die Uhr hilft nicht, beruhigt auch nicht. Laut Flugplan müssten wir jetzt in Frankfurt am Main landen, haben aber weder am Boden noch in der Luft einen einzigen Meter zurückgelegt. Neben mit sitzt keine und keiner, um die Frustration über die Verzögerung, die miese Kommunikation zu teilen. Somit auch kein Deutscher wie bei Frischs Faber. Die Abneigung gegen unsere nördlichen Nachbarn scheint sich über all die Jahrzehnte nicht groß verändert zu haben. Wenigstens etwas, um sich daran zu halten. Ich unterstelle, mein deutscher Sitznachbar hätte mir erklärt, dass das bei der Lufthansa nicht vorgekommen wäre und in Deutschland alles besser sei. Ich hätte mir, wie immer, aus eingeredeter Höflichkeit und tatsächlicher sprachlicher Unterlegenheit in einer Diskussion die Frage verkniffen, warum er dann nicht in sein, seiner Meinung nach in jeder Beziehung besseres, Heimatland zurückkehrte.
Ich bin also ebenso allein wie froh, mir die Schweiz nicht von einem Fremden erklären lassen zu müssen und überlege mir einen Deutschen, der nicht dieses Deutungsbedürfnis in sich trägt. Außer Ingo kommt mir auf die Schnelle niemand in den Sinn. Alfred, der glücklich mit einer Schweizerin, sogar einer Bündnerin verheiratet ist, fällt auch nicht in die Kategorie, hat sich nie mehr gemeldet. Ist wohl zu sehr mit sich und seinen mittlerweile erwachsenen Kindern respektive dem gesetzlich geregelten Unterhalt beschäftigt.
Regelmässig erscheint hiet eine neue Etappe des Reiseberichts – stay tuned!

Gegenstrom – Gundula Bergs 1. Zufall (Episode 2)
(Wer die 1. Episode verpasst oder vergessen hat, findet sie hier.)
Fräulein Zöllig begann, übers englische Essen und das noch viel miesere Wetter zu reden. Schilderte, wie sie in Bath den hässlichen Clubschirm ihres landlords vergessen hatte, als sie eines der Kinder davon abhalten musste, auf die Straße und vor ein heranbrausendes Auto zu rennen.
«So, so». Vom Ende dieser Geschichte kannte Gundula drei Versionen und tippte auf die falsche.
Die Freude darüber, dass jemand das kurze Abenteuer aus ihrem langen Leben mit ihr teilte, honorierte die Insassin mit einem großzügigen Trinkgeld. Im Vorbeirollen steckte sie Gundula ungeschickt einen Hunderter in eine Gesäßtasche. Leider nicht unbemerkt, was den Heimleiter veranlasste, den Inhaber von ‚Haargenau – wir schneiden stet‘s besser ab‘ zu informieren.
Bogdan Hristov, ein eingebürgerter Bulgare, der mit Teppichen kein, mit seinen mobilen Friseursalons für Alten- und Pflegeheime ein stattliches Vermögen ergaunert hatte, kündigte Gundula fristlos. Nicht, weil sie Geld annahm, sondern dieses nicht nach dem Achtzig-Zwanzig-Schlüssel verteilte: Der Löwenanteil für den Chef, der Rest für die vierzig Coiffeusen. Vor COVID waren es einige mehr gewesen. Die Epidemie hatte zu mehr Toten, weniger Arbeit und Lohn geführt. Die Corona-Kredite flossen an Bogdan respektive an die Familie in der alten Heimat. Die renovierte ihr Haus und leistete sich ein neues Auto mit drei Buchstaben im Namen.
Während dem Austrittsgespräch zog Gundula den Hunderter mit dem Heiligen Martin, der den Überwurf mit dem Schwert teilt, aus der rechten Gesäßtasche und hämmerte ihn auf die Tischplatte. «Seit einigen Jahren aus dem Verkehr gezogen und wertlos. Sammler zahlen vielleicht einige Franken. Aber das können Sie nicht wissen. Als die gültig war, hockten Sie mit ihren Freunden im Schneidersitz auf einem von Kindern geknüpften Teppich, tranken übersüßten Tee und tauschten Kamele gegen Schafe oder ihre Töchter.»
Kurz bevor die Entlassene die Türe erreichte, drehte sie sich unerwartet um: «Stets führt kein Apostroph. Sie Analphabet – wobei die Betonung dieses Worts bei Ihnen auf den ersten beiden Silben liegt.»
Der 1. Fall der Zufallsermittlerin ist geschrieben. Ob und wann er herauskommt, ist noch unklar.
Clandestino – Tagliabues 2. Fall
In seinem zweiten Fall kehrt Kommissar Salvatore Tagliabue in die Heimat seiner Eltern zurück. Ein Ertrunkener im nur knietiefen Brackwasser eines Reisfeldes in Norditalien wirft einige Fragen auf. Die Leiche des Immigranten wurde verstümmelt, um keine Rückschlüsse auf seine Identität zuzulassen. Bei den Ermittlungen stösst Tagliabue auf massive Widerstände seiner Vorgesetzten. Diese wollen keine knappen Ressourcen für die Aufklärung eines Mords an einem «Clandestino» verschwenden. Die Suche nach den Tätern führt Tagliabue in eine mafiöse Welt der Ausbeutung. In der billige Arbeitskräfte, jedoch nicht die Menschen, willkommen sind. Per Zufall triff er auf die Spuren seiner Eltern und entdeckt seine eigenen Ursprünge. Bei seinen Untersuchungen setzt der Kommissar auf die Unterstützung seiner aus der Schweiz angereisten Arbeitskollegen. Im Dienste der Wahrheit setzt er sich mit einem Pathologen und dem Assistenten über Befehle hinweg, bricht Gesetze und professionelle Richtlinien. Dass er einem Anschlag nur knapp entkommt, stachelt ihn noch weiter an, hinter das Geheimnis des Toten und dessen Todes zu kommen. Dabei führen ihn seine Ermittlungen an einen geheimnisvollen Wallfahrtsort im Piemont. Zwischen Kapellen, Kirchen und Grabsteinen kommt es zu einem fesselnden Showdown in schwindelerregender Höhe.
Tagliabues 2. Fall erscheint im Herbst 2027
